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Hört doch mal zu!

Von Nadine Engemann | ne. Wolfenbüttel – Ihr kennt es. Man will ins Bett, schlafen und guckt nochmal schnell auf Facebook. Gerade in diesen Tagen nicht unwichtig.

Vieles stürmt über die Medien auf uns ein und wenn es ganz doof läuft, schaut man sich dazu noch einige Kommentare an. Dabei scheint es mir fast egal, ob das ein Bericht der „Bild“, von „Focus“ oder der „Welt“ ist, wobei die letzteren schneller im Löschen unpassender Kommentare sind.

Eins bleibt: Es sind so wahnsinnig viele hilflose Geschöpfe unterwegs, die offenbar nicht anders können, als ihre Angst und Sorge in Hetze und erschreckenden Hass umzuwandeln. Denn was sollte es anderes sein? Wird uns nicht allen in den letzten Tagen Angst und Bange um’s Herz?

Die eine Schreckensnachricht noch nicht verdaut, da wird uns schon die nächste um die Ohren gehauen.

Aber – was war da in Würzburg und in München? Ich habe Bilder der Täter gesehen. Das waren Kinder. KINDER.

Ja, es war ein Flüchtlingskind, aber sind denn nun in Zukunft deshalb alle Flüchtlinge potenzielle Mörder? Nein!

Denn wir wissen nichts über ein Kind, das vielleicht mit seinen Herzen und Augen mehr Grausames sehen musste als wir uns je ausmalen können. Ein Junge, der, von der Familie getrennt, in ein fremdes Land geschickt wurde, ohne die Sprache zu verstehen.

„Aber er war doch in einer Pflegefamilie!“, liest man dann. Tja, nur: für zwei Wochen. Wir wissen nichts über sein wahres Leben, seine Gefühlswelt und seine Vergangenheit, aber ich glaube fest daran, dass ein Kind nicht einfach mit einer Axt los rennt.

Da haben viele Stellen vorher versagt. Ja, versagt. Viel Flüchtlinge kommen stark traumatisiert in unserer Land. Es ist nicht nur Aufgabe der Politik, sich dieser Menschen anzunehmen, sondern auch wir als Gesellschaft sind gefordert.

Das beste Beispiel des Versagens hat sich meines Erachtens in München zugetragen (nicht aus politischer, sondern aus menschlicher Sicht). Hier hatte der Täter sogar Eltern, bei denen er gelebt hat. Die aber nicht gesehen haben, wie sich ihr Kind in eine eigenen Welt zurückgezogen hat. Bücher gelesen hat, die ein gesundes Kind nicht zu interessieren hätte. Er hatte Depressionen und Angstzustände, das können wir den Medien entnehmen. War deshalb auch in Behandlung.

Nur: jeder, der von uns schon einmal Bekanntschaft mit dieser Erkrankung gemacht hat, weiß, dass es nicht von einen Tag auf den anderen suizidal wird. Da verändert sich das Verhalten schon im Vorlauf sehr – und selbst ein Robert Enke hat es geschafft, seine nächsten Angehörigen mit seinen Absichten zu täuschen. Hier steht ein 18-Jähriger, der an seinem Hass gegen die ganze Menschheit verzweifelt. Und das wollen die Eltern, Lehrer und Mitschüler nicht bemerkt haben?

In welch einer Welt leben wir denn eigentlich? Etwa noch in der, wo psychische Erkrankungen Scham behaftet sind und totgeschwiegen werden? Wo man sich nicht ausmalen kann, dass Krieg im Herkunftsland und Mobbing in der Schule krank machen können?

Wenn wir nicht bereit sind zu lernen, diese Erkrankungen ernstzunehmen und uns dieser Menschen annehmen, dann ist das ein Armutszeugnis.

Hört den Menschen doch einfach mal zu und holt Euch zur Not Rat! Das geht bei so vielen Institutionen, die wir inzwischen in Deutschland haben. Aber wer meint, dass etwas, was nicht sein darf, nicht so ist, wer lieber schweigt, wer Missstände aussitzen will, der handelt in meinen Augen verantwortungslos.

Dem Erkrankten gegenüber, aber auch der Gesellschaft gegenüber.

Ein psychisch Erkrankter leidet an Wahrnehmungsstörungen und ist weit weg von einer realistischen Selbsteinschätzung. Er ist auf Menschen wie uns angewiesen. Ich für meinen Teil werde wieder etwas offener durch die Welt gehen. Mir und meinen Mitmenschen zuliebe.

Nadine Engemann

lebt in Wolfenbüttel und hat Kinder im Alter der Attentäter

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