Meldungen

Was zum Nachdenken

Von Laura Dietrich | ld. Kiel – Es ist 4:24 Uhr und ich fange an, diese Zeilen zu schreiben. In der letzten Zeit kann ich froh sein, wenn ich drei bis vier Stunden Schlaf finde.

Das liegt daran, dass ich mich eigentlich in einem Ausnahmezustand befinde. Er macht sich bemerkbar durch sogenannte Flashbacks, durch Panikattacken und durch dauerhafte Anspannung in meinem Körper, die meine Muskeln dazu bringt, sich schmerzhaft zu verhärten. Ergebnis: Ich fühle mich oft antriebs- und perspektivlos, denn die Krankheit, die ich habe, ist unsichtbar – doch stets präsent.

Mir fehlt körperlich nichts – wäre da nicht die posttraumatische Belastungsstörung mit wiederkehrenden depressiven Phasen. Bei mir ist sie Folge sexuellen Missbrauchs in meiner Kindheit.

Ich bin auf eine Therapie angewiesen, um diese Erlebnisse zu verarbeiten – oder um wenigstens zu lernen, mit der PTBS umzugehen, da mich das inzwischen leider dauerhaft begleitet.

Ich fing selbst an, Therapeuten zu suchen, die sich auf entsprechende Therapien im Bereich „Traumata“ spezialisiert haben. Die Internetrecherche ergab zehn Therapeuten in diesem Bereich. Abfolgend die Ergebnisse, die ich erhielt:

Therapeut Nummer 1

„Wir arbeiten nur mit Privatpatienten oder mit Patienten aus Berufsgenossenschaften. Aber Sie können einen Antrag auf außervertragliche Therapie stellen, bei Ihrer Krankenkasse.“

Therapeut Nummer 2

„Sie sind leider nicht suchtkrank. Von daher sind Sie hier falsch.“

Therapeut Nummer 3

„Guten Tag, Sie sind mit der Praxis XY verbunden, zurzeit ist unsere Kapazitätsgrenze erreicht, deshalb nehmen wir keine neuen Patienten auf, wir bitten um Verständnis.“ Ende der Ansage des Anrufbeantworters.

Therapeut Nummer 4

Hier ging der Anrufbeantworter 10x in zwei Wochen ran. Ich habe jedes mal eine Nachricht hinterlassen, das war vor einem halben Jahr. Bis jetzt hat sich der Therapeut nicht gemeldet.

Therapeut Nummer 5

„Unsere Warteliste liegt bei über einem Jahr.“

… so ging das weiter, bis Nummer 10.

Da ich wusste, dass Krankenkassen mitunter auch private Therapeuten – sogenannte außervertragliche – genehmigen, wandte ich mich an den Therapeuten, den mir mein Psychiater empfohlen hatte.

Beide Sitzungen liefen sehr gut und harmonisch ab – ich fühlte mich gut aufgehoben.

Eine Therapie war seitens meiner Krankenkasse trotzdem nicht möglich.

Stattdessen bekam ich eine achtseitige Liste mit Therapeuten seitens der Krankenkasse. Ich erfülle die Voraussetzung für eine Krisenintervention nicht, daher müsse ich acht Therapeuten finden, die mir keinen (!) Therapieplatz anbieten können. Habe ich die, könne man weiterreden.

Auf dieser Liste befanden sich Hausärzte, Psychiater, Neurologen, sogar Frauenärzte – und nur eine Handvoll Therapeuten.

Ich hatte beim Durchtelefonieren der Liste also im Handumdrehen ca. 13 Leute, die mich nicht behandeln konnten, den Antrag auf außervertragliche Therapie schickte ich zuversichtlich ab.

Zwei Wochen später wurde der Antrag von der Krankenkasse abgelehnt. Grund: Ich hatte bei anderen Ärzten angerufen, die zwar auf der Liste waren, jedoch keine Therapien anboten. Nach erneutem Telefonkontakt und Schilderung meiner Lage – die Liste der falschen Vertragstherapeuthen kam ja von der Krankenkasse – sagte man mir, durchaus freundlich, man werde mir eine korrigierte Liste nochmals zukommen lassen.

Zwei Tage später: fünf Seiten, erneut. Ich rief bei insgesamt 95 Therapeuten an, es war entweder besetzt – oder der Anrufbeantworter sprang an.

Fünf von 95 habe ich erreicht und bei 90 Therapeuten habe ich insgesamt 3x auf’s Band gesprochen und um Rückruf gebeten.

Vier Therapeuten lehnten mich ab, da sie sich „auf Flüchtlinge spezialisiert“ hätten. Bei einem Vertragstherapeuten stehe ich auf der Warteliste, Wartezeit: 3 Jahre.

Wieder schickte ich die abtelefonierte Liste, mit den entsprechenden Vermerken, zur Krankenkasse.

Antwort: „Wir freuen uns sehr, dass Sie jetzt bei einem Therapeuten auf der Warteliste stehen. Ihrem Antrag auf außervertragliche Psychotherapie wurde nicht stattgegeben.“

Das knockte mich erstmal aus. Depressionen waren die Folge, die nun mit Antidepressiva und Benzodiazepinen behandelt werden.

Fall abgeschlossen? Für mich nicht.

Ich suchte trotzdem weiter und führte viele Telefonate mit anderen Therapeuten. Bei der Trauma-Ambulanz passte ich wieder nicht in deren Konzept – ich bin ja kein Flüchtling.

Ich wandte mich an die allgemeine Ambulanz einer Klinik, doch auch da: die Wartelisten sind berstend voll.

„Die Politik“ spricht immer davon, dass sie sich für die Bürger stark machen will und alle auch optimal versorgen möchte.

Ich drehe mich allerdings im Kreis.

Wir haben im Bereich der psychosozialen Krankheiten eh schon eine notorische Unterversorgung. Dazu haben wir nun Menschen – bedingt durch die Flüchtlingskrise – die genau so Hilfe brauchen wie ich. Bemerkenswert: Psychologen stürzen sich im Moment auf sie. Wo bleibt der Rest?

Ich muss kämpfen. Ich habe keine Trauma-Ambulanz, in die ich gehen kann. Mir bleibt die weitergehende Suche nach Therapeuthen – oder der Gang in die Klinik, als Akutpatient.

Als Folge meiner Erkrankung muss ich mein Studium auf Eis legen, da konzentrationsbedingt das nicht mehr zu schaffen ist.

Meine Diagnose, in Kurzform:

• Schmerzen am ganzen Körper
• Bluthochdruck, psychosomatisch bedingt
• zu schneller Puls

Dagegen bekomme ich zu meinen Antidepressiva jetzt auch noch Betablocker.

Ich bin 24 Jahre alt.

Man hört immer von der Politik: „Wir schaffen das.“ Ehrlich, was schafft „die Politik“ in diesem Bereich denn wirklich? Was wird geschafft, wenn man Menschen vernachlässigt oder gar übersieht – außer noch mehr Leid?

Meine Bitte an euch wäre: Nehmt euch endlich mal derer an, die Hilfe brauchen! Es geht hier nicht um Flüchtlings-, Gender- oder um Wirtschaftspolitik, es geht um unsere Gesundheit. Nicht meine – unser aller.

Gesundheit ist das höchste Gut, das ein Mensch haben kann. Nebenbei bemerkt: Wer gesund ist, leistet produktiv Beiträge für Staat und Gesellschaft. Er oder sie bringt dieses Land voran.

Ich will mit diesem Text nicht um Mitleid werben, denn wie mir geht es vielen in Deutschland. Psychisch bedingte Krankheiten greifen ja um sich.

Tun wir genug, um dem entgegenzuwirken?

Ich würde es begrüßen, wenn wenigstens ein paar der Verantwortlichen sich Zeit nehmen und meinen Text lesen. Vielleicht ist einer darunter, den diese Situation zum Nachdenken bringt. Viele haben psychisch bedingte Krankheiten – und müssen mit ihnen leben, ob sie wollen oder nicht.

Ich für meinen Teil wünsche mir, dass man eventuell doch das Problem der fehlenden Therapieplätze in Angriff nimmt und schauen kann, wie man allgemein die psychosoziale Infrastruktur stärken kann.

Laura Dietrich

Auf eigenen Wunsch sind Name und Wohnort der Schreiberin verändert worden, der Redaktion aber bekannt.

Kommentieren