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Der Tag danach

Von Gabi Pötsch | gp. Dresden – Ich bin Dresdnerin. Wir schreiben den 16. September 2016. Bis hierher sind es 45 Minuten. Ich bin in Bautzen. Und will Antworten. Gestern ist mir zu präsent gewesen. Zuviele Fragen, die ich jetzt beantwortet haben will.

Wenn ich an Bautzen denk, dann fällt mir eine kleine gemütliche Stadt ein. Eine kleine gemütliche Stadt, an die ich jetzt mit einem lachenden und einem weinenden Auge denke. Das lachende Auge treibt mich regelmäßig hierher, wenn ich wieder einmal kurz weg will, einfach mal raus.

Das weinende? Die Nachrichten von gestern. Oder, auf Twitter, das Kürzel #bau1509.

Hier tobt der Wahnsinn. Hier gehen Rechte auf Flüchtlinge los – oder andersherum. „Dabei kann Gewalt gar keine Lösung sein“, denke ich, während ich auf dem Kornmarkt sitze. Ja, dieser Kornmarkt. In diesem Bautzen. An diesem 16. September. Dem Tag danach.

Ich sehe Jugendliche und Kinder, die mit Kreide „Wir wollen keine Nazis“ und „Bautzen bleibt bunt“ auf die Gehwegplatten kritzeln, umrandet mit bunten Blumen. Ich sehe Jugendliche, die es sich gemütlich gemacht haben, auf den Gehwegplatten. Eine spielt Gitarre und singt, einfach so. Ich denke, sie will einfach nur da sein. Musik verbindet ja. Immer, nicht nur an so einem Tag.

Und ich? Ich sitze da und beobachte Menschen. Die über den Kornmarkt und durch Bautzen laufen. Weil ich wissen will, was hier wirklich los ist.

Der Bürgermeister erscheint. Steht mitten unter den Menschen. Klar, dass die Medien, die wie immer zahlreich erschienen sind, sich auf ihn stürzen. Man hat ja Fragen zu den Ausschreitungen. Man will wissen, wie das nun weiter gehen soll, hier in Bautzen. Und der Bürgermeister bemüht sich auf all die Fragen eine Antwort zu finden. Die er auch hat. Mir fällt auf, wie geil die Medien doch darauf sind, immer zuerst sein zu wollen. Und ich denke mir: “Was werden sie nun wieder daraus machen?“

Es ist friedlich in Bautzen und die Menschen kommen miteinander ins Gespräch. Sie haben Fragen an ihren Bürgermeister. Für die er sich sehr viel Zeit nimmt. Man merkt, dass ihm Bautzen wichtig ist. Und dass er Schlagzeilen wie „Ausschreitungen in Bautzen“ nicht will.

Ich beobachte und verspüre auf einmal dieses Angstgespenst. Stimmen schwirren durch die Luft, Fragen auch: „Warum werden die nicht fest genommen? Warum werden die dann nicht einfach nach Hause geschickt? Da wo die her kommen?! Warum lässt man die wieder laufen? Noch dazu, wenn die doch schon bekannt sind?“

Einer erzählt, dass er die Auseinandersetzungen zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen jedes Mal vor der Haustür hat. Dass er Angst hat, mit seinen Kindern rauszugehen. Ich überlege, ob ich ihn verstehen soll – während der Bürgermeister erklärt. Warum vieles so läuft wie es läuft. Warum auch der Polizei die Hände gebunden sind. Ja, auch in Bautzen gibt es Flüchtlinge. Und es gibt solche, die eben immer irgendwie quer schlagen. Aber auch in Bautzen – wie überall – sind nicht alle so. Es ist ein Bruchteil derer, die hier tatsächlich einfach nur ein stinknormales Leben führen wollen.

Plötzlich höre ich, wie jemand sagt: „Das sind aber so viele.“

Und ich stelle fest, dass der Bürgermeister sehr wohl Ahnung von dem hat, was er da tut. „Wir haben 2015 viel mehr Flüchtlinge gehabt als dieses Jahr. Viele sind schon gar nicht mehr da.“
Ich will wissen, wie viele ausländische Menschen Bautzen hat und google. Ich finde die Zahl 1,29 %. „Nicht viel“, denke ich.

Junge Mädchen schließen sich der Gesprächsrunde an. Man merkt, dass sie noch von einer friedlichen und gewaltfreien Welt träumen. Der Bürgermeister lächelt. Eines der Mädchen sagt: „Dann lassen Sie uns doch so eine Welt bauen. Zusammen können wir das schaffen!“

Ich beneide das Mädchen – weil sie die Welt noch so unbefangen wahrnimmt, noch Ideale hat. Ist es diese Unbefangenheit, die wir heute brauchen?

Ich frage den Bürgermeister, wie es denn ist. Man hört von so vielen Ausschreitungen. Mir fällt spontan Claußnitz ein, Freital, Heidenau, Meißen – und auch Bautzen.

Was mich interessiert: Was kommt an Hilfe aus der Landeshauptstadt, aus Dresden? Für die Landkreise? Der Bürgermeister lacht: „Gar nichts!“

Ich hake nach: „Ein Herr Tillich z.B., der immer mal eine Rede hält. Was kommt von dem, bei solchen Ereignissen?“

Antwort: „Nichts! Aber um das bis ins Detail zu beantworten, das würde jetzt zu lange dauern. Ich denke“, so der Bürgermeister, „Herr Tillich ist nicht der richtige Mann. (…sinngemäß. Der Bürgermeister war deutlicher, im Gespräch).

Irgendwie fühle ich mich bestätigt, in meinem Denken. Es erklärt mir zwar nicht, warum das in Sachsen so ist. Aber es bestärkt mich, dass die Landeregierung nicht nur die Bürger hängen lässt, irgendwie, sondern auch die, die sich jeden Tag in den Landkreisen abmühen.

Es ist noch immer ruhig in Bautzen. Langsam wird es dunkel. Die Polizei zeigt sich präsent. Plötzlich: Getümmel an einer Hauswand, zig Polizisten halten sich rund um vier Flüchtlinge auf. Ein gefundenes Fressen für die Medien – die natürlich wieder um die erste Reihe kämpfen.

Ich sitze da und verstehe den Sinn nicht. Soll das eine medienwirksame Verhaftung von Flüchtlingen werden? Will man den Bautzenern hautnah zeigen, dass man Flüchtlinge im Griff hat? Um sie zu beruhigen? Wie ich später erfahre: Es war eine Personenkontrolle.

Neue Fragen tun sich auf.

Personenkontrolle mit so viel Polizei? Personenkontrolle unter den Augen der Medien? Ich überlege, ob ich besser nach Hause fahren soll. Ich habe fast noch mehr Fragen, mit denen ich jetzt nach Hause fahre, als ich im Gepäck hatte, als ich nach Bautzen gefahren bin.

Mein Fazit: Es braucht noch sehr viel Aufklärung, um Schranken und Mauern ab- und einzureißen. Bautzen hat einen Bürgermeister, der das mit all seinen Kräften versucht. Der sich den Fragen, so macht es den Anschein, auch gerne stellt. Es braucht – gerade in Sachsen – noch sehr viel mehr Verständnis untereinander und miteinander. Sachsen braucht, und das ist meine persönliche Meinung, einen Ministerpräsidenten, der sich sowohl für seine Bürger aber auch für Landräte in Landkreisen stark macht. All denen Mut macht, dran zu bleiben. Einen Ministerpräsidenten, der Haltung zeigt. Von dem man weiß, auf welcher Seite er steht. Der einfach all diejenigen nicht alleine lässt, die jeden Tag neu kämpfen.

Ja und ich denke auch, dass wir wieder mehr Menschen brauchen, die auch an das Gute auf dieser Welt glauben. Ohne Gewalt. Eine friedliche Welt.

Es ist vollkommen egal wo jemand her kommt. Wir sind Menschen. Überall auf diesem Planeten.

Gabi Pötsch

ist Dresdnerin.

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