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Das, was fehlt

Von Björn Uhde | bj. Bad Segeberg – Manchmal, habe ich so den Eindruck, hat dieses Land eine tödliche Krankheit. Nein, nicht Ebola oder die Pest – eher so etwas wie den (wir wissen es alle) tödlich verlaufenden Männerschnupfen. Ein deutscher Schnupfen, der ähnlich tödlich verläuft wie der für Männer.

Kurzum: es wird zunehmend hysterisch.

Egal ob von links (“CETA! TTIP! Wir werden verkauft! Der Untergang Deutschlands!”) oder von rechts (“Islamisierung! Umvolkung! Wir werden verraten! Der Untergang Deutschlands!”): allenthalben Drama.

Demgegenüber stellt sich die Welt da draußen, der Alltag, nahezu überraschend alltäglich dar: weder werden blonde deutsche Frauen von marodierenden Horden krimineller Flüchtlinge sexuell genötigt (oder gar vergewaltigt), noch werden wir mit Monsanto-Genmais aus Kanada überflutet (kommt der jetzt nicht aus Leverkusen…?) und haben jegliche Macht an “im Verborgenen agierende”, offenbar mit Dämonen aus der Hölle besetzten Schiedsgerichte abgegeben.

Nein. Auffallend, bei allem politischen Engagement, egal aus welcher Richtung: die Welt bleibt am Ende doch erstaunlich unverändert. Ich wage vorauszusehen: es wird weder im nächsten Jahr eine Islamisierung stattfinden noch werden wir Opfer des ungebremsten angloamerikanischen Turbokapitalismus -und uns damit Milliardenklagen nordamerikanischer Unternehmen drohen.

Was diesem Land (oder der politischen Debatte) fehlt, das ist: Gelassenheit. Eine gewisse Ruhe, eine Form des respektvollen Umgangs miteinander, der Ängste und Sorgen ernstnimmt – aber auch offen ist für rationale Argumente und Tatsachen, die die eine oder andere Sorge auch tatsächlich entkräften. Der zum hundertsten Mal fast schon reflexhaft ausgestoßene Schlachtruf “… aber die Schiedsgerichte!!!” verhindert eine rationale (und damit vernünftige) Debatte ebenso wie “… aber da kommen immer mehr!!!”

Nicht falsch verstehen: beides sind Ängste, beide bis zu einem gewissen Grad auch rational nachvollziehbar. Auseinandersetzungen, die aber beidseitig mit “IchhababerAhnungunddusiehsteseinfachnicht” geführt werden, machen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur eins: sie scheitern. Auf ganzer Linie und vollumfänglich.

Wollen wir das?

Wie es der von mir hoch geschätzte Frank Stauss in seinem letzten Artikel so treffend schrieb: “Dinge verändern sich. Du weißt das, ich weiß das, alle wissen das. Aber das muss ja nicht bedeuten, dass sie sich verschlechtern.” Veränderung als Normalzustand zu akzeptieren und sie in die für alle (oder die meisten) Menschen gesellschaftlich vorteilhafteste Richtung zu lenken – das sollte Grundlage unser aller Debatten sein. Dabei sollten wir jedoch die mit “mulmigen Gefühl” nicht alleinelassen – sondern mitnehmen.

Der ständige Gedanke, wir würden entweder von Turbokapitalismus oder von Flüchtlingshorden überfahren und nach weiteren vier Jahren “Danke Merkel!!11!!!” ausradiert sein, hilft bei keiner Debatte, aber jeder Panikspirale. Der Blick in die Geschichte zeigt: beides wird uns 82 Millionen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht passieren. Wir bleiben wir. Mit all unserer Unterschiedlichkeit, unseren Traditionen – selbst ein Goethe und ein Schiller wird uns erhalten bleiben.

Justin Trudeau, der kanadische Premierminister, der von Linken (CETA ausgeklammert) als die Personifikation des “guten Amerika” vergöttert wird, hat erst letztens einen Satz gesagt, der hier in unserem Bewusstsein eigentlich verankert gehört: “Vielfalt ist Stärke.”

Wer in einem Land, das seit Jahrhunderten Einflüssen von außerhalb ausgesetzt gewesen ist – ja, Deutschland ist kein Südseeatoll – denkt, eine vor zehn Jahren erfolgte Umbenennung des Weihnachts- in den Wintermarkt sei 2014/15/16 (alle Jahre wieder…) der unumstößliche Beweis für den Untergang der deutschen Kultur, der beweist nur eins: die völlige Abwesenheit eigener Souveränität. Wer aber nicht souverän handelt, lässt sich von anderen bestimmen. Hat also bereits im Vorfeld das Feld geräumt – für Ängste, die schlicht unbegründet sind.

Wer die beginnende “Islamisierung” an einem “Zipfelmännchen” bei Penny festmacht, dem muss ich sagen: Ich bin seit 37 Jahren selber eins. Keine Details, aber: ich weiß hier fast die Hälfte der Bevölkerung hinter mir.

Nein, ganz ehrlich: Deutschland bleibt deutsch. Mit Weihnachtsmärkten, Burgen, Schlössern, Braten, Brot und Schnitzeln. Schlechtem Wetter, überbordender Bürokratie und miesem ÖPNV. Sogar Ostern nimmt man uns auch nicht.

Es wird bloß mehr geben, ein Plus: an islamischen Feiertagen. An syrischem (oder afghanischem) Essen. Ein Mehr an Sprachen und Alphabeten, ein Mehr an Kulturen und Festen, an Ramadan und Zuckerfest. Es wird vielfältiger, aufregender, gastfreundlicher – und spannender. Wer wollte das nicht?

Angst braucht davor niemand zu haben. Bleibt souverän. Und gelassen, liebe Deutsche.

Björn Uhde

1 Kommentar

  1. Frank

    Übrigens, in den aufgezählten Ländern gehört Krieg bzw. die Durchsetzung des Willens auch zur Kultur. Das wird dann auch „unsere“ Kultur!? Was wird passieren, wenn die „Neuen Kulturen“ eine eigene politische Partei gründen? Es ist dann auch legitim, wenn mich bei einer Behörde eine Dame in Vollverschleierung erwartet und über meine Anliegen befindet? Sie mögen das ja wollen, ich und viele andere mögen das nicht. Ihr Artikel ist nichts weiter als Augenauswischerei. Blos nicht zum Kern der Dinge vordringen und tiefer recherchieren.

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