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Empathie ist keine Einbahnstraße

Von Michael Schmidt | ms. Minden – Wir erleben zur Zeit eine Verschlechterung und Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas, die uns allen schadet. Wir haben jetzt alle miteinander die Aufgabe, den wichtigsten Grundsatz des menschlichen Zusammenlebens – die Würde des Menschen ist unantastbar – zu verbreiten, zu verstärken, zu festigen und dafür zu sorgen, dass das Zusammenleben der Menschen wieder von diesem Grundsatz der Menschlichkeit, des Respekts und der Menschenwürde geprägt wird. Wir müssen auch wieder lernen, unsere gegenseitigen unterschiedlichen Sichtweisen, Perspektiven, Meinungen, Interessen, Sorgen, Gefühle und Bedürfnisse zu respektieren. Es geht also auch um Empathie und Einfühlungsvermögen.

Man muss sich in Menschen mit Migrationshintergrund, in Muslime und Geflüchtete hineinversetzen, wie sie sich fühlen, wenn ihnen gegenüber Aversionen, Herabwürdigungen, Hass, Respektlosigkeit und Misstrauen wachsen, weil sie für Straftaten Einzelner und für den Islamismus einer Minderheit pauschal verantwortlich gemacht werden.

Man muss sich in jüdische Menschen hineinversetzen, wie sie sich fühlen, wenn man sie dafür angreift und herabwürdigt, wenn sie „immer noch“ über die Unmenschlichkeit, die ihren Familienangehörigen zugefügt wurde, reden möchten. Man muss sich in jüdische Menschen hineinversetzen, wie sie sich fühlen, wenn sie für die Politik der Regierung eines anderen Landes verantwortlich gemacht werden und Angst vor Anschlägen wie in Kopenhagen, Toulouse, Brüssel und Paris haben – und das alles noch vor dem Hintergrund, dass sie Angehörige einer verschwindend kleinen Minderheit von 0,1% der Bevölkerung sind.

Allein dieses Gefühl, diese Sensibilität dafür, dass es eine besonders schwierige Lage ist, einer kleinen Minderheit in der Gesellschaft anzugehören und damit in vielen Situationen mit seinen spezifischen Problemen und Sorgen schlicht allein oder weitgehend allein dazustehen (das betrifft unter anderem Juden, Muslime, Homosexuelle, Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Erkrankungen und Behinderungen, ältere Menschen, junge Menschen, Obdachlose, usw. usw.), ist offenbar in zu geringem Maße vorhanden.

Menschen, die Mehrheiten angehören, müssen sich in Menschen hineinversetzen, die Minderheiten angehören. Und Sensibilität für sie entwickeln.

Männer müssen ein Bewusstsein und eine Sensibilität für die Situation und die Perspektiven von Frauen in unserer Gesellschaft entwickeln.
Selbstständige müssen sich in Arbeiter hineinversetzen. Und Arbeiter müssen sich in Selbstständige hineinversetzen.
Religiöse Menschen müssen sich in nichtreligiöse Menschen hineinversetzen. Und nichtreligiöse Menschen müssen sich in religiöse Menschen hineinversetzen.
Junge Menschen müssen sich in ältere Menschen hineinversetzen. Und ältere Menschen müssen sich in junge hineinversetzen.
Gesunde Menschen müssen sich in kranke Menschen hineinversetzen und umgekehrt.
Katholische Nordiren müssen sich in protestantische Nordiren hineinversetzen. Und protestantische Nordiren müssen sich in katholische Nordiren hineinversetzen.
Serben müssen sich in Bosnier hineinversetzen. Und Bosnier müssen sich in Serben hineinversetzen.
Menschen mit türkischem Hintergrund müssen sich in Menschen mit kurdischem Hintergrund hineinversetzen. Und Menschen mit kurdischem Hintergrund müssen sich in Menschen mit türkischem Hintergrund hineinversetzen.
Singhalesen müssen sich darin hineinversetzen, wie Tamilen den Konflikt sehen und empfinden. Tamilen müssen sich darin hineinversetzen, wie Singhalesen den Konflikt sehen und empfinden.
Palästinenser müssen sich darin hineinversetzen, wie Israelis den Konflikt sehen und empfinden. Und Israelis müssen sich darin hineinversetzen, wie Palästinenser den Konflikt sehen und empfinden.
Muslime müssen sich in Juden hineinversetzen. Und Juden müssen sich in Muslime hineinversetzen.
Menschen, die noch nie Opfer von Kriminalität und Diskriminierung geworden sind, müssen sich in Menschen hineinversetzen, die Opfer von Kriminalität und Diskriminierung geworden sind.
Menschen, die Angst vor rechtsradikalem Terrorismus haben, müssen sich in Menschen hineinversetzen, die Angst vor islamistischem Terrorismus haben. Und Menschen, die Angst vor islamistischem Terrorismus haben, müssen sich in Menschen hineinversetzen, die Angst vor rechtsradikalem Terrorismus haben. Und Menschen, die vor Terrorismus und Kriminalität keine Angst haben, müssen sich in Menschen hineinversetzen, die vor Terrorismus und Kriminalität Angst haben und umgekehrt.

Wir müssen uns alle jeweils in die anderen, in alle anderen, hineinversetzen.
Solidarität ist keine Einbahnstraße. Solidarität ist universal.

Die Gesellschaft braucht heute mehr denn je Respekt, Mitmenschlichkeit, Ruhe und Gelassenheit statt Hetze, Hass, Aversion, Aufregung und Panik.

Michael Schmidt

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