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Angst – Nachdenken über ein Gefühl

Von Ina Knoblauch | ik. Tangermünde – Irgendwann im Winter des letzten Jahres war ich auf einer Demo, einer Demo der AfD. Eigentlich war ich auf der Gegendemo, aber ich wollte mir die Menschen, die der AfD-Kundgebung folgten, genauer ansehen. Und mir anhören, was sie zu sagen haben.

Ein Redner, der von einer Ladefläche herunter gegen die „Die da oben“, die Ungerechtigkeit der Welt und, natürlich, die von den Flüchtlingen ausgehenden Gefahren wetterte. Der Tonfall erinnerte mich an Rap-Musik, ein Genre, was in mir regelmäßig das Gefühl auslöst, im Stakkato ausgeschimpft zu werden.

Irgendwann schrie er ins Mikro. Seine Augen waren weit geöffnet, die Haare vom Wind zerzaust, die rechte Faust geballt. Die Sehnen an seinem Hals traten hervor und er lehnte sich vorneüber: „Ich habe Angst“, brüllte er. „Ich habe Angst um meine Kinder. Ich habe Angst um mein Land. Ich habe Angst um meine Zukunft.“

Um ihn herum müde nickende Gefolgsleute. Einige schon abgewandt, andere mit den Händen in den Taschen. Keiner sonst in Angst hier? Okay.

Ich weiß, was die Angst anderer Menschen in mir bewirkt. Sie löst in mir regelmäßig das Bedürfnis aus, zu verstehen. Ich stelle dann die sonstigen laufenden Programme auf Pause, höre zu, wende mich zu und nehme mir Zeit. Ich versuche zu ergründen, woher diese Angst kommt und wie sie gewachsen ist. Woran sie den Menschen hindert und wofür das gut oder schlecht ist. Menschen in Angst lösen bei mir zuweilen (aber nicht immer) große weiße Flügel aus. Die sorgsam beobachteten Überreste des Helfersyndroms. Ich habe feine Antennen für Gefühle anderer Menschen, wenn meine Kanäle nicht gerade verstopft sind.

„Ich habe Angst“, schrie dieser Redner. Aber – ich konnte diese Angst nicht fühlen.

Was mir da entgegenschlug war auf emotionaler Ebene pure Wut. Mal abgesehen davon, dass ich nach jedem zweiten Satz des Trommelfeuers aus Lügen, Übertreibung, Tatsachenverdrehung und Polemik hätte „Einspruch“ rufen wollen: an Gefühlen kamen blinde Aggression, fiese Gehässigkeit, ätzender Sarkasmus und scharfkantige Zerstörungswut bei mir an.

All das – aber keine Angst.

Angst sieht anders aus, fühlt sich anders an. Angst bringt uns dazu, leise zu werden. Wachsam. Es jagt Adrenalin durch unsere Adern und stellt das gesamte Nervensystem auf Hab-Acht. Wer überbordende Angst hat, kann nicht mehr richtig denken, nicht mehr logisch folgern. Er bereitet sich auf Basis evolutionärer Ausstattung darauf vor, entweder zu kämpfen oder zu fliehen. Flight-Fight. Nichts sonst. Große Angst an der Grenze zur Panik ist eine Extrembelastung für Körper und Psyche. Jeder, der einmal eine Panikattacke erleben musste – und das sind verdammt viele – weiß das.

Wie lange also dauert Angst an, wenn Ursachen nicht beseitigt werden? Oder wenn es gar keine Ursache gibt? Ab wann verändert langandauernde Angst Menschen, bahnt Vermeidungsverhalten, bewirkt einen Umbau der Bewertungssysteme, fordert zu Handlungsalternativen heraus? Und geht Angst als Gefühl über in Aggression? In Besorgtheit? Oder in Flucht?

Darüber denke ich nach.

Harter Szenenwechsel.

Neulich war ich bei einer syrischen Familie zu Gast. Ich habe sie gefragt, wie es war, aus Dara´a zu fliehen. Inzwischen sind sie ja fast alle so gut, dass sie Auskunft auf Deutsch geben können.

Ich stolpere immer über das Entsetzen der Helfer angesichts der traumatischen Erfahrungen, die diese Menschen zwangsläufig gemacht haben müssen. Über Appelle, dass wir ihnen doch helfen müssen. Dass das verarbeitet werden, man darüber reden muss. Traumatherapie.

Für manche ist das so. Aber es gibt auch Menschen, Flüchtlinge, die machen diese Erfahrungen, die immerhin kollektive sind, mit sich aus.

Ahmad und Rima und ihre Kinder Amal (14) und Nwar (11) haben den syrischen Krieg seit 2012 erlebt. Dara´a war neben Deerizoor die erste syrische Stadt, die gnadenlos von wechselnden Gruppen beschossen wurde. Daesh, die Armee von Schlächter Assad und die Freie Syrische Armee, sie alle haben Bomben und Raketen in die Stadt gefeuert, was das Zeug hält. Und die Menschen, die heute meine Freunde sind, waren bis 2015 mitten darin.

Sie haben erlebt, wie auf dem Rückweg vom Einkaufen das übernächste Haus durch eine Splitterbombe in die Luft geflogen ist. Nwar zeigte mir die Stelle, an der ein Granatsplitter seine Wade erwischt hat. Auf meine Frage hin grinste er und sagte, es sei wieder verheilt. Keine Narbe. Aber er habe eine Weile nicht Fußball spielen können. Das sei blöd gewesen.

Seine Augen glühten, als er mir von dem Abenteuer erzählte, aus der Stadt zu fliehen. Wie die Heckenschützen auf sie geschossen haben. Wie sie sich ganz klein gemacht haben. Wie Ahmed in halsbrecherischem Tempo den Highway runtergebrettert ist. Ich fühle mich an irgendeinen Action-Film erinnert, als Nwar die Hände zusammenlegt und Bäng-Bäng-Bäng macht.

Und ich weiß, dass der Junge zusammenzuckt, wenn man ihm überraschend die Hand auf die Schulter legt. Oder dass er zu weinen beginnt, wenn man ihn in der Schule scharf anspricht.

Krieg als Abenteuer?

Amal erzählt von dem Tag, als nach einem Angriff das Gerücht die Runde machte, ein Mann sei getötet worden und sie stundenlang fest glaubte, dieser sei Ahmad, ihr Vater. Und ich sehe, wie Rima ihren Arm um sie legt. Ich spüre den Widerhall dieser Angst in beiden.

Rima erzählt von der Elefantenbombe, die in ihrem Stadtviertel die Fensterscheiben aus allen Häusern herausgedrückt hat.

Wie die Glasscherben und Splitter sich über sie alle verteilt haben. Und von ihrer Angst, dass die Taubheit bleiben würde, die von den gemarterten Trommelfellen stammte.

Von der Nacht, in der sie mit dem Boot über das Mittelmeer gekommen sind, erzählen sie nicht. Sie wissen, dass ich diese Geschichte schon kenne.

Auch nicht vor der Angst vor den brutalen ungarischen Soldaten und deren Schlagstöcken.

An die dumpfe und müdigkeitsschwere Angst in der Nacht, als sie morgens um 4 aus dem Bus in Klietz getaumelt sind, kann ich mich selbst erinnern. Ich habe euch gesehen in dieser Nacht.

Ahmad, damals bis auf die Knochen abgemagert, zeigt mir heute lachend das Foto von damals. Vom Tag 2 in Camp Klietz, als sie alle auf der Bank sitzen. Frisch gewaschen, im Licht eines freundlichen Frühherbstes des Jahres 2015.

Mittellos, heimatlos, aber am Leben.

Noch lange nicht angekommen im neuen Dasein, aber vorsichtig erfassend, dass sie nun endlich ohne Angst leben können. Hier, wo es im Vergleich nur wenig gibt, wovor man Angst haben müsste. Angekommen im Frieden. In Sicherheit. In Deutschland.

Dr. Ina Knoblauch

ist Deutsche und macht sich Gedanken über Menschlichkeit.

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