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Hoffnung Schulz – eine Analyse

Von Erik Flügge | ef. Köln – Was passiert da gerade? Die SPD war eben gefühlt noch halbtot und plötzlich ist sie so lebendig wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Die Umfragen schnellen für die Partei nach oben. Binnen weniger Tage wünscht sich die Mehrheit der Deutschen Martin Schulz als Kanzler. Merkels Werte brechen zusammen. Wechselstimmung in Deutschland.

Die Prägekraft einer Kanzlerschaft im historischen Vergleich

Kanzlerin oder Kanzler ist man nie allein. Man prägt mit dem eigenen Stil den Stil einer ganzen politischen Epoche. Die Kanzlerschaft ist immer die Spitze einer politischen Generation, die Regierung und Opposition gleichermaßen umfasst. Der historische Vergleich zeigt, der Moment gehört Martin Schulz. Merkels Zeit ist abgelaufen.

Mitte der 90er prägte Helmut Kohl nicht nur seine schwarz-gelbe Regierung, sondern auch seine rot-grüne Opposition. Im Zerbrechen seiner ewigen Kanzlerträume 1998 bahnte sich ein neuer politischer Stil seinen Weg. Ein lauter und dynamischer Schröder aus Niedersachsen stellte sich dem breiten und stabilen Kanzler entgegen und beendete dessen Ära. Genau wie Kohls Führungsstil zuvor wurde Schröders Stil prägend für alle anderen Akteure. Das gesamte politische Berlin versuchte plötzlich, sich gegenseitig in der Veränderung zu übertrumpfen. Egal ob Schröder selbst oder Wolfgang Clement, ob Joschka Fischer oder Friedrich Merz – sie alle wollten ein neues Deutschland aus eigener Kraft schmieden. Hauptsache Aufbruch – egal wohin.

Stoiber scheitere gegen den Macher Schröder, weil er das Moment der Dynamik weniger beherrschte. Er war nicht schnell genug, als mit der Oderflut eine Krise entstand. Er sprang zu langsam auf den Deich. Schröders Zeit der Dynamik war noch nicht abgelaufen. Noch prägte sein Stil die politische Epoche.

Nach sieben Jahren Schröder herrschte Kanzlerdämmerung. Man konnte diesen Mann nicht mehr ertragen und alles wofür er stand ebensowenig. Doch seine Gegenkandidatin Merkel erkannte nicht die innere Beschaffenheit des Endes der Schröder-Ära und stieg in den Überbietungswettbewerb mit dem Versprechen noch größer Dynamik ein. Flattax mit Paul Kirchhoff, Umbau der Sozialsysteme, mitkämpfen im Irak – Merkels Linie sollte Schröders Kanzlerschaft noch übertrumpfen. Das Ergebnis ist bekannt. Aus einem gigantischen Vorsprung für Merkel und die CDU wurde ein denkbar knappes Ergebnis. Merkel hatte sich mit ihrem „Noch-schneller-ändern“ genau falsch gegenüber Schröder positioniert.

Merkels Ära

Der Wahlabend 2005 war krachende Niederlage und Wahlsieg für Merkel zugleich. Sie hat einen gigantischen Abstand verspielt, aber es reicht knapp für ihre Kanzlerschaft. Was sie vor der Wahl nicht begriffen hatte, verinnerlicht sie nach der Wahl umso mehr: Die Leute haben die Schnauze voll von der ewigen Dynamik. Aus der Alles-ändern-Merkel wird die Mutti-Merkel.

Sie fand ihren eigenen politischen Stil. Ein Stil der Entideologisierung von Politik zu Gunsten des stillen Regierens. Sie bewegte die Union weit in die Mitte. Schliff alle Unterschiede ab und erzielte 2013 ihren größten Wahlsieg mit einer Demobilisierungsstrategie. Merkel ließ die Deutschen einschlafen im Angesicht ihrer Politik.

Auf diesen Stil Merkels ließen sich nach und nach auch alle anderen Akteure ein. Ein typischer Vorgang während einer andauernden Kanzlerschaft. Die Sprache Berlins wurde in zwölf Jahren Kanzlerin immer bürokratischer. Immer weniger offensive Töne, weitestgehende Vernunft, bloß keine Emotion.
Selbst bei der Linken ersetzt die kühle Wagenknecht mit den langen Erklärungen den humorvollen Gregor Gysi mit den schnellen und polternden Antworten. Deutschland entemotionalisiert sich mit der Kanzlerin.

Die Flüchtlingspolitik läutet das Ende der Ära Merkel ein. In kürzester Zeit politisiert sich die Bevölkerung wieder und in Berlin findet niemand mehr die richtigen Worte. Ein durch Merkel geprägter Bürokrat spricht neben dem anderen Bürokraten bürokratische Töne. Nichts passt.
Die AfD wird zum ersten Gewinner dieser Entwicklung. Viele Bürger begreifen sie als aggressive und gefährliche Kraft, aber gleichzeitig als die Partei die als einzige ein anderes politisches Angebot macht als das Bürokratentum.

Spätestens die Landtagswahlen 2016 hätten Merkel deutlich signalisieren müssen, dass die Ära des Merkeltums zu Ende ist. Doch wie schon Kohl und Schröder zuvor begreift auch sie es nicht.

Gabriels Selbsterkenntnis

Mit dem Ende einer Kanzlerschaft endet auch das politische System drumherum. Wird eine Kanzlerin oder ein Kanzler in den Augen der Bevölkerung zum alten Eisen, dann erkaltet auch der Schmiedeofen. Alle prägenden Kräfte rund um das Spitzenamt – in Regierung und Opposition – fühlen sich urplötzlich alt und verbraucht an.

Bis Januar sammelte man sich mit der Faust in der Tasche noch lange notgedrungen hinter Merkel. Schließlich waren die Angebote aller anderen Parteien ja auch nur andere Varianten der merkelschen Politik. Besonders schlimm das Angebot der SPD, das bis zur schicksalhaften Kanzlerkandidatenentscheidung ja nicht nur ein Angebot aus der Zeit Merkels war, sondern sich auch noch stets als Endlosverlängerung der Ära Schröder anfühlte. Eine Kanzlerschaft, die längst Geschichte war, überlebte in Form von übrig gebliebenen Bundesministern und einem Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel. Man passte sich zwar irgendwie an die sich ändernden politischen Gegebenheiten an Kanzlerin Merkel an, schaffte es aber niemals in die Vorderhand zu kommen. Bis plötzlich mit Martin Schulz der neue Kanzler auf den Plan tritt.

Was Merkel nicht begriff, scheint Sigmar Gabriel richtig gespürt zu haben. Die Zeit aller Akteure des Merkeltums ist abgelaufen und damit auch seine. Eine Selbsterkenntnis, die ihn von allen anderen Politikern auf Bundesebene aktuell unterscheidet. Eine Selbsterkenntnis, die ihm persönlich eigene Gestaltungsspielräume erhielt, die alle anderen nun wohl nicht mehr haben werden.

Der Schulz-Effekt

Gabriels Rückzug fühlt sich in weiten Teilen der Bevölkerung an, als würde ein Sektkorken aus einer Flasche knallen. Denn für das dumpfe Gefühl, dass Merkels Kanzlerschaft lange genug währte, gibt es jetzt eine positive und sympathische Alternative. Ein erlösendes Gegenangebot gegenüber der aggressiv-unsympathischen AfD auf der einen Seite und der verbrauchten Merkel auf der anderen.
Damit sammelt sich hinter Martin Schulz der Aufbruch in eine neue Kanzlerära, die sowohl alte SPD-Stammwähler wieder motiviert ihre Partei zu mögen, als auch moderne Kräfte der Gesellschaft dazu bringt, sich mit Schulz zu identifizieren. Es ist eine Schulzbegeisterung erwachsen, die sich vor allem durch den Kontrast zu allen anderen politischen Akteuren entwickelt. Jeder ist mit Merkel in die Jahre gekommen – jeder außer Schulz.

Binnen Stunden wird Schulz die sympathische Antwort auf „Merkel muss weg!“.

Die Dynamik, die sich aktuell entfaltet, ist eine andere als die rund um Steinbrück. Dort feierte nur die SPD, dass endlich ihr Kanzlerkandidaten-Hick-Hack beendet ist. Dieses Mal feiert ganz Deutschland den gefühlt neuen Kanzler: Martin Schulz.

Wie das jetzt weiter geht?

Die Bundestagswahl 2017 wird eine Dynamik nehmen, die zuvorderst Martin Schulz in die Hände spielt. Je öfter Merkel spricht, desto mehr verstärkt sie den Überdruss über ihr Merkeltum. Je langsamer sich alle anderen politischen Spitzenakteure im Stil an Schulz anpassen, desto stärker geraten sie in den Sog der sinkenden Merkel. Je schneller sie sich an Schulz orientieren, desto mehr verstärken sie seine Kanzlerdynamik. Für alle politischen Konkurrenten – allen voran für die Union ein Strategiedilemma, aus dem es ohne externe Ereignisse wohl kein Entkommen gibt.
Schulz ist zum Inbegriff des Neuen geworden und kein Spitzenkandidat einer anderen Partei kann sich als noch neuer präsentieren, weil alle anderen Akteure mit Merkel direkt verbunden sind.
Die CDU hat sie als Spitzenkandidatin. Die Opposition arbeitet sich seit Jahren an ihr ab und hat bekanntes Personal aus der Bundespolitik aufstellt. Die AfD bezieht ihre Lebenskraft aus einer Anti-Merkel-Haltung. Alle sitzen mit Merkel im Boot und Schulz fährt nebendran auf einem neuen schnellen eigenen Schiff.

Alle Konkurrenz ist auf die Kanzlerin fokussiert, obwohl sie schlagartig nicht mehr den Mittelpunkt der Berliner Politik darstellt. Das neue Zentrum Schulz hingegen ist so beziehungslos in alle Richtungen, dass er aktuell ganz für sich alleine strahlen kann. Ein Lichtpunkt, der Wählerinnen und Wähler anzieht und tausende Menschen Mitglied einer frischen SPD werden lässt, die sich vor kurzem doch noch anfühlte wie eine kalt gewordene Leiche.

Die Kanzlerschaft Merkels ist am Ende. Mit ihr das ganze alte Personal des politischen Berlins von der Linkspartei bis hin zur AfD. Das Momentum liegt ganz allein bei Schulz. Eine Fortsetzung des Höhenflugs ins Kanzleramt ist höchst wahrscheinlich.

Erik Flügge

ist SPD-Mitglied und Wahlkampfberater

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