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Mit Gefühlen spielt man nicht

Von Sönke Baumdick | sb. Vechta – Am 29. Januar 2017 wurde Martin Schulz vom SPD-Parteivorstand einstimmig als Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl am 24. September nominiert. Seitdem erlebt die SPD einen Höhenflug sondergleichen: Umfrageplus von bis zu 10 Prozent, erster Platz in verschiedenen Rankings für den Kandidaten selbst, tausende Neueintritte.

Die Partei rafft sich auf. Hatte man sich Anfang des Jahres im Angesicht miserabler Umfragewerte von teilweise unter 20 Prozent schon darauf eingestellt, sehenden Auges mit Sigmar Gabriel in eine unausweichliche Wahlniederlage zu steuern, ist man aktuell nahezu berauscht: natürlich von den in die Höhe geschossenen Umfragewerten, aber auch von einem Kanzlerkandidaten, der online schon zum Heilsbringer stilisiert wurde, und selbst kritische Menschen wie ich, die mit ihrer Partei hadern, ihr fast schon die Jahre der Opposition zur Rückbesinnung auf alte Werte gewünscht hätten, können sich dem kaum entziehen.

Die Dinge, die Martin Schulz sagt, sind Balsam für die geschundene sozialdemokratische Seele. Er schenkt der Basis, die tagtäglich den Kopf für die sozialdemokratische Sache hinhält, neues Selbstvertrauen und – vor allem – neuen Glauben. Er, der für Europa steht und seine Werte, scheint unbefleckt von den Altlasten zweier großer Koalitionen und einer Agenda 2010, er vermittelt Dinge über seine kumpelhafte Art und seine Biographie so authentisch, dass die SPD-Mitglieder bereitwillig jedes seiner Worte zur Offenbarung erheben und dabei großzügig darüber hinwegsehen, dass vieles von dem nicht neu ist, dass vieles davon seit Jahren Parteiprogramm ist, aber leider nicht Eingang gefunden hat in die Regierungsverantwortung der SPD.

Das Programm, mit dem Schulz am 29. Januar bei seiner Rede im Willy-Brandt-Haus antrat, ist Gefühl. Die Dinge, die „die hart arbeitenden Menschen in diesem Lande“ bewegen und umtreiben, muss die SPD wieder spüren – Martin Schulz ganz vorne mit dabei als der bürgernahe Mann, der kein Abitur hat, Buchhändler war und die „Sorgen und Nöte der Menschen“ aus seiner Zeit als Bürgermeister von Würselen kennt.

Die Verbindung zwischen der Partei und ihren Stammwählern zeigt sich emotional wie nie, wenn Martin Schulz da auftritt, wo es herbe Wahlschlappen gab oder im Polittalk bei Anne Will mit ehemaligen und enttäuschten SPD-Mitgliedern konfrontiert wird.

Was er aktuell anspricht, Korrekturen der Agenda 2010, mehr soziale Sicherheit beim Arbeitslosengeld I, Abschaffung der sachgrundlosen Befristung und eine Solidarrente, ist freilich nicht neu – Schulz jedoch gibt der Programmatik der SPD einen frischen Anstrich und transportiert sie so, dass die Menschen wieder Hoffnung haben, diese und andere dringend benötigten Reformen könnten sich mit einer SPD-geführten Regierung verwirklichen.

Diese Hoffnung von gleichermaßen SPD-Basis und SPD-Wählern darf Martin Schulz nicht enttäuschen.

Ihm ist, mindestens für den Moment, das Kunststück gelungen, die SPD zu aktivieren, mit neuem Leben zu erfüllen und glaubwürdig wirken zu lassen. Trotz der bestehenden Großen Koalition gelingt es ihm als Außenseiter, die SPD klar von der Union abzugrenzen und deutlich zu bennen, wo man selber mit den entsprechenden Mehrheiten liefern kann. Mehr denn je wird ein SPD-Kanzler sich an seinen Worten nach der Wahl messen lassen. Wenn die SPD stark oder sogar als Wahlsiegerin aus der Bundestagswahl hervorgeht, wird sich zeigen, ob das Gefühl der Hoffnung berechtigt war, ob es mit Martin Schulz einen Aufbruch gibt oder einen trügerischen Höhenflug mit einem noch tieferen Fall, abhängig davon, wie die SPD liefert – denn: mit Gefühlen spielt man nicht.

Sönke Baumdick

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