Meldungen

Mein Blick nach innen

Von Björn Uhde | bj. Hamburg – Wow. Wer hätte das gedacht? Anfang des Jahres noch bei rund 20%, liegen wir jetzt in drei aufeinanderfolgenden Umfragen bei konstant über 30%. Im Schnitt um 32%, in Schlagdistanz zur Union, die im Bereich der statistischen Fehlertoleranz “vorne” liegt. Wechselstimmung, das Rennen ist wieder offen – all das geistert durch die Schlagzeilen.

Keine Frage: das ist die Schuld von Martin Schulz.

Ich möchte hier jetzt nicht den schon allzu oft beschriebenen Schulz-Hype, inklusive Heiland-Effekt bemühen, mit #Gottkanzler, hoher Energie und Schulzzug. Das kann man alles nachlesen. Mir geht’s um mein Gefühl, was ich, der das Ganze als dann doch ehrenamtlich tätiges SPD-Mitglied, mir da so bei denke.

Für mich fühlt sich das gerade sehr nach 1998 an. Eine bleierne Käseglocke lüftet sich. Klartext statt Merkelwatte. Und endlich einer, der Gefühle anspricht. Der weiß, wie es ganz unten gewesen ist. Der sich hochgearbeitet hat. Ohne Abitur, aber mit sechs Sprachen – fließend. Mich beeindruckt das, auf einer sehr persönlichen Ebene. Da spricht einer mit Haltung, der sein soziales Gewissen nicht abgegeben hat. Das ist – nach 12 Jahren Merkel – Führung. Richtig gute Führung.

Zugegeben: die Beschleunigung der Umfragewerte bis auf Augenhöhe, das habe ich selbst noch nie erlebt. Nach 19% jetzt wieder als Volkspartei wahrgenommen zu werden, daneben den Menschen auch noch eine glaubwürdige demokratische Alternative zur wattigen Alternativlosigkeit Merkels bieten zu können: das macht Spaß.

Egal, mit wem man ins Gespräch kommt: das vorherrschende Gefühl ist Erleichterung. Innerparteilich “sind wir wieder wer” und müssen uns nicht verstecken, nach außen scheint man froh zu sein, endlich Merkel abwählen zu können – oder man sieht die vor Furcht geweiteten Augen der Konservativen, die offenbar immer noch nicht in der Schulzzeit angekommen sind und einem vermeintlich leichten Sieg gegen Sigmar Gabriel immer noch hinterhertrauern. Statements, die Schulz mit Trump vergleichen und Populismus vorwerfen, das zeugt von zunehmender Panik vor’m Machtverlust. Daneben rüsten Arbeitgeberverbände medial mit 65.000-€-Anzeigen auf, um die Agenda in heutiger Form zu erhalten. Wohlgemerkt: das sind die, die ihre Millionenboni gerne behalten würden – und die eine Massenarbeitslosigkeit durch die Einführung des Mindestlohns vorhergesagt hatten. Kurzum: die, die ihre Pfründe sichern wollen, haben mit wachsender Verzweiflung zu kämpfen.

Und Martin Schulz setzt mit “Gerechtigkeit” – und seiner Person – überzeugend die richtigen Themen.

So gesehen hat der oft zurecht gescholtene Gabriel mit seinem letzten Zickzack wirklich alle überrascht und damit strategisch eine äußerst attraktive Ausgangslage geschaffen. Zugegeben: das hier fühlt sich gerade so an, als hätte man in der ersten Halbzeit einen 1:3-Rückstand ausgeglichen und hat nun genügend Zeit und das bessere Team, um das Ding nach Hause zu bringen.

Schönster Nebeneffekt: die Anfang des Jahres von einigen Schwarzsehern schon bei 17% prognostizierte AfD verliert kontinuierlich und liegt jetzt bei gerade noch 8%. Wie es ein Genosse so treffend ausdrückte: “Da geht noch was. Da ist noch Luft nach unten.” Die zunehmende Verzweiflung von AfD-Anhängern, die sich immer schneller im eigenen Saft drehen und wirklich kein Rezept gegen Schulz finden, beflügelt zusätzlich. Statements wie “Deutschland versinkt im Chaos” und “Wir vertreten das Volk, die Altparteien sind alles Handlanger eines bösen Kapitalismus” kommen dahin, wo sie hingehören: in die Mottenkiste äußerst schlechter Gruselgeschichten. Richtig so. Und gut so. Dem AfD-Jünger, der allen Deutschen Volksverrat attestiert, die nicht die AfD wählen, kann man entspannt ein “Volkssport Volksverrat: über 90% der Deutschen machen mit.” entgegnen – wie letztens das WELT-Socialmedia-Team entgegnen.

Mich macht das in erster Linie stolz.

Auf uns, die Deutschen, die anders als in anderen Ländern eben nicht dem verqueren “Alles-ist-einfach”-Wellnessprogramm der Rechtspopulisten hinterherlaufen. Sondern sich – eine demokratische Alternative zur ewig dahinwurstelnden Kanzlerin vor Augen – offenbar mehr und mehr für uns, die SPD und Martin Schulz, entscheiden.

Ja, wir Deutsche sind wohl doch erwachsen geworden.

In der SPD, so scheint es, hat eine konzertierte Aktion die Regie übernommen: kein Tag vergeht ohne griffiges Schulz-Statement, flankiert von diese Statements ergänzenden Gesetzesentwürfen – und entsprechenden Artikeln über Themen, die den SPD-Wahlkampf zusätzlich illustrieren. Immer in den Medien, die dafür höchste Reichweite garantieren.

Die Meme-Kultur, beginnend mit dem Sub-Reddit r/the_schulz, eröffnet dabei ein Feld, das uns so noch nie offenstand (und sicherlich nicht in den vergangenen Wahlkämpfen 13 und 09): wir binden Unpolitische an uns, wir haben die Möglichkeit, humorvoll auf absurde Unterstellungen zu reagieren und ähnlich wie 1972 mit den “Sozialdemokratischen Initiativen” bilden sich, abseits der Partei, Bündnisse, die weit in die Gesellschaft hineinwirken. Dazu kommt: Wer in schwierigen Situationen humorvoll reagiert, ist souverän. Und das sind wir. Der #Gottkanzler macht’s möglich.

Kurzum: das wird spannend. Ich freu‘ mich drauf.

Björn Uhde


ist Herausgeber von Deine SPD – und Pressereferent des SPD-Kreisverbandes Segeberg in Schleswig-Holstein.

Kommentieren