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Wir müssen reden

Von Björn Uhde | bj. Hamburg – Liebe Türkei,

Eigentlich wollte ich nichts zur derzeitig angespannten deutsch-türkischen Situation schreiben. Ich bin Deutscher. Ich kann kein türkisch. Ich habe keine Türken in meinem nahen Freundeskreis. Ich kenne die Türkei nicht mal als Urlaubsland. Wer bin ich, mir ein Urteil zu erlauben?

Mich hier dazu zu äußern, das wäre doch deutlich zu oberlehrerhaft gewesen. Ich hatte einige meiner türkischen Bekannten gebeten, die Lage aus ihrem Blickwinkel zu schildern – auch vor dem Hintergrund, daß da von gleich zu gleich miteinander gesprochen wird. Das könnte ich nicht, als Deutscher.

Dann kam die Bombendrohung.

Liebe Türkei, liebe türkische Mitbürger: hier ist Deutschland. Hier gelten unsere deutschen Gesetze, eine deutsche Verfassung und, ja, man mag es nicht für möglich halten: sogar deutsche Verwaltungsvorschriften. Sie wollen türkische Gesetze, inklusive Todesstrafe? Dafür gibt’s die Türkei. Sie haben die Wahl.

Wenn aufgrund unserer deutschen Bestimmungen türkische Wahlkampfveranstaltungen nicht durchgeführt werden können (und Sicherheitsvorkehrungen gehören dazu), dann hat das die türkische Seite schlicht zu akzeptieren.

Warum? Weil das hier Deutschland ist. Umgekehrt machen wir das übrigens auch. Es nennt sich Manieren, Höflichkeit, Respekt. Anstand.

Herzlich Willkommen, allemitanand, übrigens.

Jeder, der hier lebt – auch Sie, meine türkischen Mitbürger – beruft sich hier auf Grundrechte, die in Ihrem Heimatland wenn überhaupt nur noch auf dem Papier existieren.

In der Türkei werden Zehntausende weggesperrt. Weil sie ihren Beruf ausüben, machen sie vermeintlich Terrorpropaganda. Das sind Lehrer, Beamte, Professoren – und Journalisten wie Deniz Yücel, der den Fehler gemacht hat, seine türkische Staatsbürgerschaft zusätzlich zu seiner deutschen zu behalten. Und er ist nicht der Einzige, der sitzt.

Wir kennen das. Gerade als Deutsche war uns so ein Vorgehen ab 1933 unter der NSDAP durchaus geläufig.

Das sind Säuberungen.

Und wenn ich nach dem gestrigen Entscheid heute lesen muss, daß ein Minister der türkischen Quasi-Diktatur den Deutschen empfiehlt, sie mögen sich “benehmen”, dann frage ich mich, aus welchem Paralleluniversum der Herr zu uns heraufgestiegen ist.

In Gaggenau gab es eine Bombendrohung, weil offenbar einige türkische Mitbürger es nicht für nötig erachten, sich an deutsche Gesetze zu halten.

Um hier jetzt nicht un-souverän zu werden, die Tatsachen:

• Deutschland ist ein souveräner Staat.

• Hier gelten unsere Gesetze.

• Die exekutieren wir auch. Souverän.

• Wir sind eine freiheitliche Demokratie. Im Gegensatz zu dem, was da rund um den Bosoprus, inkl. Todesstrafe, entsteht.

• Weil wir eine freiheitliche Demokratie sind, sind uns Freunde und Gäste, die hier ihren Lebensmittelpunkt suchen und schlussendlich zu Mitbürgern werden, hochwillkommen.

• Vielfalt ist Stärke. Wir freuen uns, alles von Kebap, Lahmacun bis hin zu Manti und Pilavlar genießen zu können. Türkische Kultur bereichert Deutschland. Nicht nur kulinarisch, auch kulturell und religiös. Es ist ein Geschenk, türkische Kultur und Lebensart hier erleben zu können.

• An jeden, der sich an unsere Gesetze hält (die übrigens freiheitlicher sind als das, was man aus der Türkei vernimmt): Schön, daß ihr hier seid.

• Jeder, der denkt, der deutsche Staat würde in Ehrfurcht zu erstarren haben, weil der Recep aus Ankara vorbeikommt und bisschen verbal rumheizt, muss ich sagen: Nein. Tun wir nicht. Wir können in der Regel nicht mal türkisch. Wenn Recep also eine flammende Rede hält, haben wir meist das Gefühl, daß sich sehr viele Umlaute verbal treffen und ne Party feiern.

• Deutschland ist nicht Auslandsterritorium der Türkei. Genausowenig wie Mallorca Auslandsterritorium Deutschlands ist. Und genau deshalb fliegt Merkel auch nicht auf die Balearen und putscht die Auslandsdeutschen dort auf. Und genau deshalb IST die Türkei quasi Befehlsempfänger in Deutschland. Unser Land, unsere Gesetze, unsere Exekutive. Haltet euch dran.

Daraus folgt: Wir Deutsche sind schlicht so freundlich, Ihren Staatspräsidenten und Mitglieder Ihrer Regierung hier sprechen zu lassen. Wir müssen es nicht.

Wenn Sie, liebe türkische Mitbürger, Ihren Chef live erleben wollen: es gibt Flugtickets. 145 €. Frankfurt → Istanbul. Turkish Airlines.

Machen Sie das. Oder, wenn Sie es gar nicht mehr hier aushalten: Gehen Sie ganz zurück. Die Freiheit haben Sie. Wir bearbeiten solange die Asylanträge türkischer NATO-Soldaten, die die höchstwahrscheinlich nicht aus Versehen gestellt haben.

Aber, bitte: am Tag nach der Absage von einem türkischen Minister lesen zu müssen, wir Deutsche müssten lernen, uns zu benehmen während gleichzeitig in Gaggenau eine Bombendrohung einläuft, die sich auf genau diese Auftrittsabsage bezieht… . Führt man so politische Debatten in der Türkei? Bombe im Anschlag, falls einer anderer Meinung ist?

Erlauben Sie mir hier eine Frage: Wer sollte sich hier benehmen?

Ich empfehle den deutschen Knigge online → Manieren per Mausklick. Und vielleicht einen Grundkurs Staatsrecht. Gibt da garantiert was bei der Fernuniversität Hagen.

Herzlichst,

Björn Uhde


ist Herausgeber von Deine SPD – und denkt, man sollte wenn anständig miteinander umgehen.

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