Meldungen

Es hängt niat hunert Gour af oi Seitn

Von Jörg Nürnberger | jn. Tröstau – Ein paar persönliche Anmerkungen zum aktuellen Verhältnis Türkei – Deutschland

Mit dieser Weisheit hat meine Großtante Katharina (Jahrgang 1900) oft Ereignisse und Situationen bewertet, wenn Menschen allzu überzeugt davon waren, dass sie unangreifbar und vor allem Unheil gefeit seien.Vielleicht hätte sie das auch zum aktuellen Verhältnis zwischen Deutschland und der türkischen Regierung gesagt.

Ich erinnere mich noch gut, wie vor 40 Jahren türkische Fußballspieler auf den Fußballplätzen der Region oft abschätzig behandelt wurden, wie sie in den Porzellanfabriken die schmutzigen und anstrengenden Jobs hatten. Türkische Innenpolitik hat damals bei uns keinen interessiert, Militärputsche inklusive. Wir hatten das ja nicht nötig.

Seitdem hat sich die zweite und dritte Generation von Türken in Deutschland wirtschaftlich und zum Teil auch sozial emanzipiert und ist heute aus unseren Städten und Gemeinden nicht mehr wegzudenken.

Parallel dazu hatte sich auch die Türkei gewandelt. In den 1990er Jahren und Anfang des 21. Jahrhunderts gab es viele Reformen, die eine Annäherung an die EU zum Ziel hatten. Höhepunkt war im Jahr 2005 das Beitrittsgesuch der Türkei. So richtig verhandelt wurde aber auf Seiten der EU nicht. Wir hatten das ja nicht nötig. Vor allem konservative Kräfte bremsten und wollten kein Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung in der EU.

Wirtschaftlich wurde die Türkei immer selbständiger und stärker. Das türkische Selbtbewußtsein wuchs. Gleichzeitig wuchs in der Türkei der Frust über die Passivität und zum Teil Ablehnung durch die Westeuropäer bei den Beitrittsverhandlungen. Im Osten der Türkei wurde Krieg geführt. Im Irak, später in Syrien und anderen Ländern. Diese Kriege bedrohen den Nachbarn Türkei.

Plötzlich erstarkten in der Türkei religiöse und nationalistische Kräfte. Erste Ansätze einer Annäherung der Volksgruppen und Völker in der Türkei wurden abgebrochen und z.T. auch bewußt sabotiert. Kurden und andere Minderheiten haben in der Türkei wieder einen schweren Stand.

Mit der Migration von Flüchtlingen aus Syrien über die Türkei hat die Türkei eine strategische Position, mit der sie Druck auf Westeuropa ausüben kann. Jetzt gilt es umgekehrt, die Türkei hat es plötzlich nicht mehr nötig, offen mit Europa zu verhandeln. Jetzt geht es wieder um einfache Machtpolitik.

Und plötzlich interessieren wir uns in Deutschland für die türkische Innenpolitik, die auf dem Weg zu einem autoritären System ist, wo das Rechtssystem ausgehöhlt wird, wo es zu willkürlichen Verhaftungen kommt, wo tausende von Beamten einfach so entlassen werden, weil ihnen die Gesetze wichtiger sind als einfach nur Anweisungen der Regierung umzusetzen.

Türkische Regierungsmitglieder wollen bei Großveranstaltungen in Deutschland für das Erdogansche Ermächtigungsgesetz Stimmung machen. Sie vergreifen sich im Ton und sagen Dinge über Deutschland, die völlig falsch und demagogisch sind. Vergleiche mit der Nazizeit sind eine Provokation, die wir zurückweisen.

Jetzt glaubt man in der türkischen Regierungselite, man könne sich das erlauben, jetzt säße man selbst an den Hebeln der Macht und könnte Druck auf Deutschland ausüben. Man habe es ja nicht nötig.

Dabei vergessen die türkischen Minister ein paar grundsätzliche Dinge. Deutschland und die Türkei sind in vielen Fragen in so großer gegenseitiger Abhängigkeit, dass man das über Jahre ausbalancierte Verhältnis nicht einfach über den Haufen werfen sollte. Es können sich viele Dinge schnell wieder ändern.

Wir Deutsche sollten besonnen reagieren, Anwürfe aus der Türkei zurückweisen und uns nicht dem Druck beugen.

Es gibt Anzeichen, dass es nicht so gut steht um die türkische Wirtschaft. Dass eine große Krise drohen könnte. Da fällt natürlich vielen Politikern gleich ein, mal ein bisschen die Außenpolitik zu nutzen, um von den inneren Problemen in der Türkei abzulenken. Dieses Verhalten ist Wasser auf die Mühlen all derer, die immer die Zugehörigkeit der Türkei zu Europa in Frage gestellt haben. Ich würde mich freuen, wenn zumindest von den Türken in Westeuropa erklärt würde, wie sie sehr von Europa und seinen Freiheiten profitieren.

Diese Rechnungen, mit aggressiver Außenpolitik interne Versäumnisse zu kaschieren, gingen bisher meistens langfristig nicht auf. Auch in der Türkei wird man Westeuropa bald wieder brauchen oder man macht sich dort von China oder Russland abhängig. Bitte schön, viel Erfolg dabei.

Liebe Türkinnen und Türken bei uns und in der Türkei, bitte bedenkt die Weisheit meiner Großtante Katharina: Es hängt niat hunert Gour af oi Seitn.

Zwei Länder, so wie Deutschland und die Türkei mit so vielen persönlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen, sollten miteinander offen und ehrlich reden. Den Weg, den manche der türkischen Minister gehen, ist ein Irrweg. Präsident Erdogan irrt ebenfalls, wenn er glaubt, er könne Deutschland einschüchtern.

In der nächsten Krise wird die Türkei Westeuropa wieder brauchen. Lasst uns die Emotionen zurückfahren und wieder vernünftig mitander reden, denn: Es hängt niat hunert Gour af oi Seitn.

Herzliche Grüße und iyi geceler

*Für alle, die nicht des Fichtelgebirgdialekts mächtig sind: Es hängt nicht hundert Jahre auf einer Seite.

Jörg Nürnberger


ist SPD-Bundestagskandidat für die Wahl im Herbst 2017.

Kommentieren