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AfD: Wagenburg-Realitäten

Von Björn Uhde | bj. Hamburg – Haben Sie den AfD-Parteitag verfolgt? Die aufpeitschende Rede des vermeintlich bürgerlich-liberalen Professors Jörg Meuthen, in der er in seiner Heimatstadt keine Deutschen mehr finden konnte und die nicht stattfindende Islamisierung als Tatsache darstellte? Alice Weidel, die frischgewählte Spitzenkandidatin, die – ebenfalls als wirtschaftsliberal geltend – forderte, politische Korrektheit gehöre auf den “Müllhaufen der Geschichte”? Daneben der freundliche Großvater Gauland, der den Rechtsextremisten Höcke zum “Nationalromantiker” verklärt – und gleichzeitig versichert, die AfD sei “Partei der Mitte und Stimme der Vernunft”? Ja, das ist der Gleiche, der vor einigen Monaten die totale Grenzschließung forderte – mit dem bemerkenswerten Zusatz “… und dann müssen wir die grausamen Bilder eben aushalten. Wir dürfen uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen.”

Das soll die Stimme der Vernunft sein? Eine Partei der Mitte? Man möchte da noch kurz an die abgemeierte Chefin Frauke Petry erinnern, die mit “völkisch wieder positiv besetzen” unter diesen Figuren inzwischen als gemäßigt gilt.

Bei diesem Repertoire an zunehmend absurden Äußerungen fragt man sich: Wie halten die es – ganz grundsätzlich – mit der Realität? Und, vor allem: Wie kommt man dazu, bar jeder realistischen Wahrnehmung, solche Dinge zu behaupten?

Ich glaube, der Schlüssel liegt in einer zunehmenden Wagenburgmentalität. AfDler agieren in geschlossenen Systemen ihrer eigenen Weltanschauungen. Sie interagieren miteinander – ein Austausch darüberhinaus findet nicht statt. Wer als Nicht-AfDler auf AfD-Seiten Diskussionen führte, weiß aller Regel nach davon ein Lied zu singen: nach meist relativ kurzer Zeit werden die eigenen Kommentare gelöscht – und man selbst danach gesperrt.

Gleiches gilt bei AfD-Mitgliedern, egal auf welchem Niveau: Facebook, Twitter – es wird geblockt, gesperrt, stummgeschaltet, auch wenn es Kandidaten für öffentliche Ämter sind. Die sozialen Netze werden so zum Megafon: rausgebrüllt werden die Parolen, Austausch? Ausgeschlossen. Daß dann die Mehrzahl der AfD-Mitglieder wirklich denkt, sie befinde sich in einem konstanten Belagerungszustand – klar, sie bekommen ja keine anderen Informationen von der Welt da draußen. Daß SPD, CDU, FDP, Grüne und andere diese Gesellschaft in großer Mehrheit anders – nämlich offen und freiheitlich – prägen, das ist schlicht nicht vorstellbar.

Ihre fiktiven Vorstellungen vermeintlich unkontrollierter Masseneinwanderung, nicht-existenter Steigerungen von Kriminalitätsraten und “Verfassungsbrüchen” der deutschen Regierung werden vom Facebook-Algorhythmus, ausgehend von den entsprechenden Gefällt-mir-Angaben, unterstützt – und verstärkt. Willkommen in der Echo-Kammer der eigenen Filterblase.

Am Ende ergibt sich daraus ein vermeintlich tatsächliche Bild einer Partei der Vernunft, die, unangenehme Wahrheiten aussprechend, von anderen verfolgt wird und sich mit heroischem Heldenmut und gallischer Dorfmentalität gegen eine fast unbezwingbare Übermacht stellt. Der Weg zur “reinen Wahrheit” (und den großen “Lügen” aller anderen) ist nicht mehr weit.

Wer mit diesem Weltbild lebt – und sei es durch die Facebook-Timeline – hat das Ticket zur digitalen Wagenburg bereits gelöst. Was folgt ist eine zunehmende Radikalisierung. Was man an den zunehmend rechtsextremen Wortbeiträgen während des AfD-Parteitags dann auch gut beobachten konnte.

Die AfD entwickelt sich zu einer radikalen, an ausschließlich persönlichem Weiterkommen interessierten politischen Sekte.

Es ist zu hoffen, daß diese Entwicklung die Partei schlussendlich zerschlägt. Was bleibt, ist die weitaus schwierigere gesellschaftliche Aufgabe, die Menschen mit diesem radikalisierten Weltbild wieder zurückzuholen.

Björn Uhde


ist Herausgeber von Deine SPD

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